"Oberammergau im Dritten Reich":
Ludwig Utschneider bringt Neuauflage seines Buches heraus - Zugriff auf wichtige neue Quellen
Oberammergau - Es gibt Geschichten, die überdauern die Zeit. Wie jene eines Oberammergauers, der sich in einer Friseurstube abfällig über die Beteiligten des Hitlerputsches geäußert hat - und das während der Nazizeit! Ludwig Utschneider vom Historischen Verein hatte von dem Mann gehört, der sofort verhaftet wurde. Fundierte Beweise für die Geschichte aus dem Jahr 1936 gab es nicht. Bislang. Als vor einiger Zeit dann verloren geglaubte Gendarmerieakten auftauchten, spitzte auch Utschneider die Ohren. Und tatsächlich: Unter den Schriftstücken war der Jahrband 1936. Das ist der Grund dafür, dass sich die Friseur-Geschichte in Utschneiders neuem Buch wiederfindet. Darin widmet sich der Lehrer und Lokalpolitiker nochmals eingehend der Geschichte seines Heimatdorfes. „Oberammergau im Dritten Reich- heißt das 270-seitige Werk-, das nach dem Jahr 2000 nun in zweiter Auflage erschienen ist. Die Kollegen vom Historischen Verein haben sich bereits eingehend mit dem Buch, auf das viele schon gewartet hatten, auseinander gesetzt. „Die ersten Reaktionen waren recht positiv“, sagt der 37-Jährige. Schon längst wollte er sich an die zweite Auflage machen. Ein Vorhaben, das der vielbeschäftigte Familienvater im Trubel des Alltags aber immer vor sich hergeschoben hat. Bis vergangenen Januar. Was folgten, waren arbeitsintensive Wochen, Monate und so manche lange Nacht vor dem Computer. Viel Aufwand für jemanden, der beruflich voll eingespannt ist. Utschneider ist Lehrer an der Mädchenrealschule Schlehdorf der Erzdiözese München. Zugleich ist er viele Stunden für die Angestellten-Vertretung der Diözese, eine Art Betriebsrat, unterwegs. Hinzu kommt das lokalpolitische Engagement des 37-Jährigen, der die Freie-Wähler-Fraktion im Gemeinderat führt. Sich so intensiv mit der Geschichte Oberammergaus zu beschäftigen - dafür hat Utschneider viele Gründe parat. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und hat ihn schon immer fasziniert. Sei es in jungen Jahren bei seiner Facharbeit, später bei der Magisterarbeit für sein Studium oder eben für sein Buch. Was ihn so sehr ander Materie fesselt, ist das Rätsel, das sie umgibt. „Es ist schon das Kriminalistische, das mich begeistert.“ Die Oberammergauer Ortsgeschichte sei wie ein Mosaik, dessen einzelne Steinchen zusammengesetzt werden müssen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Arbeit für die zweite Auflage einfacher gewesen sei. Die Menschen seien offener geworden, weil sie das Ergebnis einschätzen konnten. So kam Utschneider an neue Aussagen, außerdem konnte er erstmals auf den Nachlass von Kardinal Michael von Faulhaber zugreifen. Wie Briefwechsel zeigen, sorgte dieser sich im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte vor allem darum, dass die katholischen Elemente in der Passion erhalten blieben. Ein Puzzlestück von vielen in der Aufarbeitung der Ereignisse in Oberammergau. Mit der ist Ludwig Utschneider noch lange nicht fertig. Irgendwann, wenn es die Zeit zulässt, will er sich der Epoche nach dem Zweiten Weltkrieg und der Entnazifizierung widmen. Auch das dürfte spannend werden. Schließlich kehrte der NSDAP-Bürgermeister Raimund Lang, der 1939 in den Dienst der Wehrmacht trat, ins Oberammergauer Rathaus zurück. Und das bis 1966.